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1.In den nächsten Jahren wird die Bevölkerung Deutschlands nach allen Prognosen deutlich schrumpfen und insgesamt stark altern. Dies ist die Konsequenz einer seit Jahrzehnten zu geringen
Geburtenhäufigkeit sowie einer stetig zunehmenden Lebenserwartung. Bürger,Gesellschaft und Staat stellt dies vor große Herausforderungen: Wie können sozialer Friede, Wohlstand und die eigene Kultur
erhalten bleiben, wenn jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner ist als die Generation ihrer Eltern? Das Schrumpfen der Bevölkerung sowie die
grundlegende Veränderung ihrer Altersstruktur dürfte alle Bereiche des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens gravierend verändern. Ein erstes Wetterleuchten der notwendig werdenden Veränderungen ist die Diskussion über die Reform der Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung.
2.Die gewaltigen Probleme einer ungünstigen Bevölkerungsentwicklung sind nicht über Nacht entstanden. Schon seit Jahrzehnten weisen Fachleute auf die dramatischen Konsequenzen der zu geringen
Geburtenhäufigkeit hin. Bereits der 14. Deutsche Bundestag analysierte und dokumentierte mit einer dafür eingesetzten Enquete- Kommission Umfang und Ausmaß der bevorstehenden demographischen
Veränderungen. Die zehnte Bevölkerungsvorausberechung des Statistischen Bundesamtes ist das jüngste amtliche Dokument, das das Ausmaß der bevorstehenden Veränderungen deutlich macht. Danach wird die Zahl
der Einwohnerinnen und Einwohner von
heute rund 82,5 Millionen bis zum Jahr 2050 im günstigstens Fall auf 80 Millionen schrumpfen, wenn jährlich ein hohes Zuwanderungsplus von 300 000 Personen pro Jahr erreicht werden sollte und die durchschnittliche Lebenserwartung auf 83 Jahre für Männer und 88 Jahre für Frauen ansteigen sollte. Im ungünstigsten Fall einer jahrlichen Zuwanderung von lediglich 100 000 Personen pro Jahr sowie einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 79 Jahren für Männer und 86 Jahren für Frauen würde die Bevölkerungszahl auf 67 Millionen zurückgehen. Am wahrscheinlichsten wird eine mittlere Variante angesehen, die von einer jährlichen Zuwanderung von 200 000 Personen ausgeht und die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei 81 Jahren, und von Frauen bei 87 Jahren sieht. Danach würde die Bevölkerung Deutschlands bis 2050 auf 75 Millionen Personen zurückgehen.
Parallel zum Rückgang der Bevölkerungszahlen altert die Bevölkerung in einem nie dagewesenen Maße. So wird das Durchschnittsalter der Bevölkerung von heute 40,6 Jahren auf 48 im Jahr 2050 ansteigen.
Hinter diesen Durchschnittszahlen verbirgt sich eine dramatische Verschiebung im Altersaufbau der Bevölkerung.Während im Jahr 2001 noch 20,9 Prozent der Bevölkerung jünger als 20 Jahre waren, 55 Prozent
in die Altersgruppe der 20 bis 59jährigen fielen, 24,1 Prozent zwischen 60 und 80 Jahre alt
und 3,9 Prozent über 80 Jahre waren, lauten die Zahlen für das Jahr 2050 :16,1% unter 20 Jahre; 47,2 % 20 bis 59 Jahre, 36,7 % 60 bis 80 Jahre und 12,1 % über 80 Jahre. Das Ausmaß der Verschiebungen in der Altersstruktur zeigt sich besonders deutlich daran, dass 2001 der Anteil der unter 20jährigen noch fünfmal so groß war wie der Anteil der über 80jährigen an der Bevölkerung; 2050 wird der Anteil der unter 20jährigen nur noch ein Viertel über dem Anteil der über 80jährigen liegen.Der Anteil der über 60jährigen betrug 2001 28 Prozent, im Jahr 2050 wird er bei 48,8 Prozent liegen.
3. Die aufgezeigte Bevölkerungsentwicklung ist auf zwei Parameter zurückzuführen: die geringe Geburtenhäufigkeit und die zunehmende Lebenserwartung. Deutschland gehört weltweit zu den Staaten mit der
niedrigsten Geburtenhäufigkeit. Eine Geburtenhäufigkeit von zuletzt 1,38 Kinder pro Frau bedeutet, dass jede Elterngeneration nur zu etwa zwei Dritteln durch Kinder ersetzt wird, oder anders formuliert,
jede nachwachsende Generation um ein Drittel kleiner ist, als die ihrer Eltern. Um die gegenwärtige Bevölkerungszahl zu erhalten, müssten im Durchschnitt etwas mehr als zwei Kinder geboren werden. Die
Prognosen der Bevölkerungswissenschaftler gehen aber nur von einer Geburtenziffer von 1,4 pro Frau aus.Mit einem dauerhaften Anstieg der Geburtenziffern dürfte allenfalls dann gerechnet werden, wenn ein
grundsätzliches Umdenken zum Stellenwert von Kindern auf politischer und individueller Ebene erreicht werden würde. Der niedrigen Geburtenziffer steht andererseits ein seit Jahrzehnten stetig
ansteigenden Lebenserwartung gegenüber. Während ein 1910 geborene Jugen lediglich eine Lebenserwartung von 47 Jahren hatte und ein
Mädchen eine von 51 Jahren, können im Jahre 2000 geborene Jungen und Mädchen mit einer Lebenserwartung von 75 bzw. 81 Lebensjahren rechnen.
4. Die große Herausforderung durch die rücklaufige Bevölkerungsentwicklung sowie die Alterung der Gesellschaft sollte zu bestehen sein, wenn Staat und Bürger ihre ganze Kraft und Kreativität darauf
ausrichten, neue Rahmenbedingungen zu entwickeln, die sicherstellen, dass das Leben in Deutschland auch für die nachwachsenden Generationen lebenswert bleibt.
Die größte Herausforderung ist dabei die soziale Sicherung der Bevölkerung im Rentenalter.Wie schwer diese zu gewährleisten sein wird, hängt entscheidend von der Entwicklung des sog.
Altersquotienten ab, des Verhältnisses der Bevölkerung im Rentenalter zur Bevölkerung im Erwerbsalter.Geht man von dem bisherigen durchschnittlichen Rentenzugangsalter von 60 Jahren aus, dann erstreckt
sich die Zeitspanne des Erwerbsalters vom zwanzigsten bis zum sechszigsten Lebensjahr. Gemessen daran, hat sich der Altersquotient nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes von 35 im Jahre 1995
(d.h. 100 Menschen im Erwerbsalter, 35 im Rentenalter) über 41 im Jahr 1999 auf 44 im Jahr 2001 erhöht. Bei der realistischen Annahme einer jährlichen Nettozuwanderung von 200 000 Personen und einer
durchschnittlichen Lebenserwartung von 81 Jahren bei Männern und 87 Jahren für Frauen würde der Altersquotient nach den Berechungen des Bundesamtes bis 2030 auf 71 emporschnellen und bis 2050 auf 78
steigen. Würde die Altersgrenze für den Rentenbeginn generell bei 65 Jahren statt wie jetzt bei 60 liegen, würde sich der Altersquotient erheblich günstiger entwickeln. Im Jahre 2050 läge der
Altersquotient dann bei 55 statt bei 78. Würde die Altersgrenze für den Rentenbeginn sogar auf 67 angehoben, wie von der Rürup- Kommission vorgeschlagen, würde dies zu einer weiteren Absenkung des
Altersquotienten auf 47 führen. Damit läge der Altersquotient dann kaum höher als jetzt , wo der Renteneintritt im Durchnitt im Alter von 60 Jahren stattfindet.
Die allgemeine Ausweitung des Zeit der Erwerbstätigkeit, womöglich bis zum 67. Lebensjahr, ist die zweite große Herausforderung, vor die der demografische Umbruch Politik, Gesellschaft und Bürger stellt.
Eine allgemeine Ausweitung der Lebensarbeitszeit bringt wirtschaftlich nur dann die erwünschte Entlastung der sozialen Sicherungssyteme, wenn die Menschen in diesem fortgeschrittenen Alter auch
produktiv arbeiten können. Darauf müssen sich die Menschen sowie die Unternehmen vorbereiten, die Politik hat dafür die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen. Wie groß diese Herausforderung ist, zeigen die aktuellen Arbeitsmarktdaten, wonach im August 2003 über 4, 3 Millionen Menschen Arbeitslos waren. Zudem waren es bisher vor allem die über 55jährigen, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr hatten. Dieses Produktionspotential brach liegen zu lassen, ist Staat und Gesellschaft schon bisher teuer zu stehen gekommen. In den kommenden Jahrzehnten werden sie es sich nicht mehr leisten können.Dann dürfte jede Hand gebraucht werden,weil die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter, d.h. von 20 bis 65 Jahren, von heute rund 51 Millionen bis zum Jahr 2050 auf rund 40,7 Millionen zurückgehen dürfte.
Als dritte grosse Herausforderung zeichnet sich die Finanzierung öffentlicher Aufgaben ab.Der Rückgang der Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter reduziert zugleich die Zahl der Menschen, die den
Aufwand der öffentlichen Haushalte erwirtschaften können. Wenn sich schon die heutige Generation überfordert sieht, die Mittel für die öffentlichen Aufgaben zu erwirtschaften, um wieviel schwerer wird
dies den
zahlenmäßig schwächeren Folgegenerationen gelingen. Was dies praktisch bedeuten kann, zeigt die Entwicklung der Pro-Kopf-Verschuldung pro Erwerbsfähigem durch die Schulden der öffentlichen Haushalte. Die Gesamtverschuldung der öffentlichen Haushalte lag im März 2003 bei 1276,8 Milliarden Euro. Bei rund 51,1 Mio Erwerbsfähigen bedeutet dies eine Pro-Kopf- Verschuldung von rund 25 000 Euro. Sollte sich die Zahl der Erwerbsfähigen bis zum Jahr 2050 auf 40,7 Millionen reduzieren, würde allein schon dies zu einem Anstieg der Pro-Kopf-Verschuldung pro Erwerbsfahigem auf rund 31000 Euro führen. Tatsächlich ist zu befürchten, dass die Belastung noch viel höher liegen wird. Denn die Staatsverschuldung wächst ungebremst weiter. Im Jahr 2003 wird sie deutlich über 3, 5 % des Bruttosozialproduktes liegen. Unter dem Aspekt der Belastungsfähigkeit nachfolgender Generationen sowie der Generationengerechtigkeit wäre statt eines Schuldenzuwachses ein Schuldenabbau geboten. Dies ist jedoch nur denkbar, wenn die Politik den Mut und die Kraft findet, staatliche Aufgaben abzubauen und mehr Freiräume für wirtschaftliches Handeln und Wachstum zu schaffen. Neben der Aufgabe bisher staatlich wahrgenommener Aufgaben ist es auch erfordlich, die Komplexität und Differenziertheit der Regelungen in den verbleibenden Aufgabenbereichen zu reduzieren. Die Summe dieser Maßnahmen reduziert nicht nur den Finanzbedarf für staatliche Maßnahmen, sondern ermöglicht vor allem auch eine Reduzierung des heute noch erforderlichen hohen Personalaufwandes.
Ein Beispiel dafür kann der Bereich des Einkommenssteuerrecht sein. Kein anderes Land in der Welt leistet sich eine derartig komplizierte und komplexe Steuerrechtsgesetzgebung, wie Deutschland. Eine
drastischeVereinfachung des Einkommenssteuergesetzes, wie es beispielsweise der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht, Prof. Dr. Paul Kirchhoff,mit seinem Karlsruher Modell
vorgeschlagen hat, würde Bürger und Unternehmen von einem erheblichen bürokratischem und finanziellem Aufwand entlasten und den Bedarf an Steuerberatern und Finanzbeamten deutlich reduzieren.
Als vierte grosse Herausforderung steht der Umbau der öffentlichen Infrastruktur der Daseinsvorsorge an. Weniger junge Menschen und mehr alte Menschen bedeutet weniger Kindergärten und Schulen, aber
mehr Krankenpflege- und Altenpflegeeinrichtungen. Der unvermeidbare Umbau der öffentlichen Infrastruktur wird die ländlichen Regionen vor schwer lösbare Aufgaben stellen.Wenn die Zahl der Menschen in
der Altersgruppe bis 20 Jahre von 17,3 Millionen im Jahr 2001 bis zum Jahr 2050 auf 12 Millionen zurückgeht, werden derartig viele Kindergärten, Schulen und Ausbildungseinrichtungen schließen
müssen, das vor Ort vielfach keine Angebote mehr verfügbar, lange Anfahrtswege unvermeidlich sein werden. Darunter werden besonders die neuen Bundesländer leiden, bei der die Zahl der unter
20jährigen überdurchschnittlich stark zurückgehen wird, weil seit 1990 mehr als eine Millionen Menschen in die westlichen Bundesländer abgewandert sind.
5. Die aufgezeigten Herausforderungen werden mit kleineren Reparaturen am System und nur kurzfristig wirkenden Reformen nicht zu bewältigen sein.Bürger und Politik müssen den Mut finden, dies zur Kenntnis
zu nehmen.Eine Politik der Schönfärberei und der Verdrängung der Wirklichkeit könnte weder die Verunsicherung der Bürger und der Wirtschaft noch den Eindruck beseitigen, dass es nur noch bergab geht. Auf
dieser Grundlage dürften sich die erfordlichen Kräfte zur Bewältigung der Herausforderungen kaum aktivieren lassen.Dafür muss vielmehr sichtbar werden, dass und unter welchen Voraussetzungen die
Herausforderungen des demografischen Wandels in sozial verträglicher Weise bewältigt werden können. Eine Politik, die die Fakten ungeschminkt nennt, die verbleibenden Gestaltungsspielräume aufzeigt,
nachhaltig tragfähige Konzepte präsentiert und realisiert, ist dafür die unabdingbare Voraussetzung.
Hubertus Rybak 1. September 2003
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