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Stand: 14 Dezember, 2006

 

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Der nächste Wirtschaftsboom erst nach dem Jahr 2015?
Über die Theorie der langen Konjunkturwellen und  ihre Konsequenzen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

1. Die wirtschaftlich - soziale Krise in Deutschland

Deutschlands Wirtschaft stagniert seit Jahren, fällt im europäischen und internationalen Vergleich immer mehr zurück. Währenddessen wächst die Staatsverschuldung, die Arbeitslosigkeit, laufen die Kosten der sozialen Sicherungssysteme aus dem Ruder und steht eine dramatische Verschiebung der Altersstruktur der Bevölkerung bevor.

Politik, Wirtschaft und Bürger wissen, dass diese Probleme nur mit einem starken Wirtschaftswachstum sozial verträglich zu lösen sein werden. Aber woher sollen in einem Land mit weitgehend gesättigten Märkten dafür die Impulse kommen? Wie soll bei einer absehbar schrumpfenden Bevölkerung ein Wachstum der Konsumnachfrage herbeigeführt werden? In welchen Bereichen ließen zusätzliche Investitionen hohe Renditen, neue Arbeitsplatze und wachsenden Wohlstand erwarten?

Die Politik geht davon aus, dass eine Reform der Sozialsysteme, des Steuersystems und der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und der deutschen Arbeitnehmer so weit stärken wird, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden und die Wirtschaft Dynamik gewinnt. Folgt man der von der klassischen Wirtschaftstheorie und der Wirtschaftspolitik bisher weithin nicht beachteten Theorie der langen Konjunkturwellen, könnte die erhoffte wirtschaftliche Dynamik auch im Falle einer erfolgreichen Reformpolitik noch viele Jahre auf sich warten lassen.

2. Die langen Wellen der Konjunktur

Das Phänomen der langen Wellen der Konjunktur wurde in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von dem russischen Wissenschaftler Nikolai Kondratieff entdeckt und beschrieben. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse 1926 in der deutschen Fachzeitschrift “Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik" unter dem Titel “Die langen Wellen der Konjunktur”.Darin wies er darauf hin, dass die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas und der USA nicht nur durch kurze und mittlere Konjunkturschwankungen gekennzeichnet sei, sondern auch durch die bis zu diesem Zeitpunkt nicht beachtete langen Phasen von Prosperität und Rezession. Solche lange Konjunkturwellen, die später auch als  Kondratieffzyklen bezeichnet wurden, hatten nach seinen Feststellungen eine Dauer von 45 - 60 Jahren .Sie wurden durch Basisinnovationen ausgelöst, die grundlegende Änderungen in der Produktion, der Arbeitsorganisation und der gesellschaftlichen Ordnung erforderlich machten und einen boomartigen Produktivitätsschub und Wohlstandszuwachs ermöglichten. Kondratieff stellte fest, dass die von ihm analysierten langen Konjunkturzyklen mehr waren als ein zeitlich gestreckter Konjunkturzyklus, vielmehr erkannte er in ihnen einen Reorganisationsprozeß der gesamten Gesellschaft, mit dem Knappheitsfelder durch neue Produkte und Dienstleistungen erschlossen wurden.

Der deutsche Autor Leo A. Nefiodow hat 1996 in seinem Buch “Der sechste Kondratieff” darauf hingewiesen, dass in den letzten 250 Jahren fünf Kondratieffzyklen empirisch nachgewiesen werden konnten. Der erste Zyklus basierte auf der Erfindung der Dampfmaschine und grundlegenden Neuerungen in der Textilindustrie und markierte am Ende des 18. Jahrhunderts den Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft. Der zweite Kondratieffzyklus begann Mitte des 19. Jahrhunderts und basierte auf der intensiven Nutzung von Stahl für den Baubereich wie auch den Maschinenbau. Die wichtigste Anwendung wurde dabei der Bau der Eisenbahn, mit der die Infrastruktur für die großflächige Verteilung von Gütern geschaffen werden konnte. Der dritte Kondratieffzyklus, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte, basierte auf der Nutzung des Potentials von elektrischer und chemischer Energie. Im vierten Kondratieffzyklus ab 1950 wurde auf der Grundlage der billigen petrochemischen Energie und der Produktion von erschwinglichen Autos für jedermann der individuelle Massenverkehr ermöglicht. Im fünften Kondratieff, der in den 1970er Jahren begann, wurde die Gesellschaft auf der Basis der Informationstechnik zu einer Informationsgesellschaft umgebaut, in der die Information, ihre Erschließung und Nutzung, zur entscheidenden Quelle des Wachstums wurde.

3. Übergangsphase zwischen zwei Kondratieffzyklen

Leo A. Nefiodow äußerte bereits 1996 die Vermutung, dass der von der Informationstechnik angetriebene fünfte Kondratieffzyklus in Europa bereits Mitte der 90er Jahre seinen Höhepunkt überschritten hatte. Dafür spricht, dass die jährlichen Wachstumsraten der deutschen Wirtschaft seit dieser Zeit nur noch selten die zwei Prozentmarke überspringen konnten.
Das Überschreiten des Höhepunkts eines Kondratieffzyklus führt nach den empirischen Erfahrungen aus früheren Zyklen dazu, dass Investitionen in die durch die Basisinnovation vorangetriebenen Wirtschaftsbereiche keinen entscheidenden Produktivitätszuwachs mehr bewirken und
Investitionen in neue Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze unterbleiben. Steht eine andere, hinreichend produktivtätsfördernde Basisinnovation nicht bereit, die entsprechende Wachstumsimpulse liefert, dann ist der Weg in eine langanhaltende Rezession nicht zu vermeiden.

Deutschland  scheint sich in dieser Situation zu befinden. Die Arbeitslosigkeit befindet sich seit Mitte der 90er Jahre auf hohem Niveau mit steigender Tendenz; statt über Investitionen in neue Arbeitsplätze, wirtschaftliche Expansion und Wohlstandszuwachs für alle spricht die Wirtschaft nur von Rationalisierung und Outsourcing. Alle Bemühungen konzentrieren sich darauf,  die Kosten zu senken damit die Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben. Wenn der Präsident des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn im Januar 2004 in einer Stellungnahme feststellt, dass die deutschen Arbeitnehmer im internationalen Vergleich ihre Wettbewerbsfähigkeit weitgehend verloren haben und Lohnsenkungen empfiehlt, wird deutlich, dass in Deutschland noch keine produktivitätssteigernden Basisinnovationen für ein neues Beschäftigungswunder in Sicht sind, geschweige denn, das sich die Gesellschaft auf solche vorbereitet.

Sollte sich die empirisch festgestellte Dauer der langwelligen Konjunkturzyklen auch im Fall der durch die Informationstechnik angetriebenen 5. Kondratieffzyklus bestätigen, wäre mit einem neuen, starken und langandauerndem Wirtschaftsaufschwung in Deutschland erst wieder nach dem Jahr 2015 zu rechnen.

Ob, wann und in welchem Ausmaß Deutschland von den Segnungen eines sechsten Kondratieffzyklus profitieren kann, hängt entscheidend davon ab, ob Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Zyklus vorbereitet sind. Die Erkenntnisse über frühere Kondratieffzyklen zeigen, dass nur diejenigen Länder die Chancen eines Aufschwungs in einem langwelligen Konjunkturzyklus nutzen konnten, die sich durch gezielte Investitionen und eine Reorganisation der Gesellschaft auf ihn einstellten. Dies hat Erik Händeler in seinem Buch “Die Geschichte der Zukunft” anhand historischer Daten überzeugend dokumentiert.

Bei der Vorbereitung eines Landes auf die Chancen eines neuen Kondratieffzyklus kommt Staat und Wirtschaft eine Schlüsselrolle zu. Der Staat kann die Öffentlichkeit über neue Basisinnovationen und ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung, ihre Chancen und Risiken informieren und die rechtlichen Rahmenbedingungen beizeiten dafür vorbereiten. Er kann die für Basisinnovationen benötigte Infrastruktur frühzeitig aufbauen, die öffentlichen Forschungs- und Entwicklungsprogramme auf die Erschließung von Basisinnovationen ausrichten und die Aus- und Weiterbildungsangebote auf den Umgang mit Basisinnovationen fokussieren.
Bei der Wirtschaft kommt es darauf an, daß sie ihre Investitionen auf die Entwicklung und Anwendung von Basisinnovationen lenkt, dadurch entstehende Märkte rechtzeitig erkennt und besetzt und die eigene Organisation sowie das Management auf die Anforderungen der Basisinnovationen ausrichtet.

4. Die Basisinnovationen des 6. Kondratieffzyklus

Basisinnovationen, die einen neuen Kondratieffzyklus ermöglichen, sind Innovationen, die den Weg für einen bis zu diesem Zeitpunkt nicht möglichen Produktivitätsfortschritt in der Wirtschaft und der Gesellschaft frei machen. Was werden aber die Basisinnovationen des bevorstehenden sechsten Kondratieffzyklus sein.

Leo A.Nefiodow sieht den Gesundheitsbereich als den neuen Megamarkt des 21. Jahrhunderts, der auf den Basisinnovationen ´psychosoziale Gesundheit´, der Biotechnologie und Umwelttechnologien beruhen soll. Er sieht insbesondere in der Verbesserung der psychosozialen Gesundheit erhebliche Produktivitätsreserven für Wirtschaft und Gesellschaft. Zur Begründung verweist er auf die großen Schäden und Verluste, die der Wirtschaft und der Gesellschaft durch psychische Störungen und ihre Folgen wie Gewalt, Kriminalität, Drogenmissbrauch und Erkrankungen entstehen. Ferner erweise sich die psychische Gesundheit gerade in der Informationsgesellschaft als eine unabdingbare Voraussetzung für eine produktive Nutzung von Informationen. Eine schnelle und effektive Nutzung verfügbarer Informationen für das Angebot von Dienstleistungen, für neue Erkenntnisse in Wissenschaft und Forschung, für die Entwicklung neuer Produkte und die Erschließung neuer Märkte sei ohne eine möglichst konfliktfreie und effektive Kommunikation zwischen Menschen kaum vorstellbar. Die zunehmende Komplexität der Gesellschaft und die Informationsflut könne nur durch einen wachsenden Kooperations- und Kommunikationsaufwand bewältigt werden. Es käme daher auf die Optimierung der Informationsflüsse im Menschen und zwischen den Menschen an.

5. Gesamtgesellschaftliche Investitionen für die Arbeitsplätze von morgen

Produktivitätswachstum ist eine unabdingbare Voraussetzung für wachsenden Wohlstand und zunehmende Nachfrage nach Arbeit. Folgt man der Analyse von Leo A. Nefiodow, dann bietet der 6. Kondratieffzyklus dafür neue Chancen, wenn Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Bürger gegenwärtige Verhaltensweisen und Strukturen ändern und sie auf die Förderung und Erhaltung von Gesundheit im weitesten Sinne ausrichten. Dazu dürften folgende Maßnahmen erforderlich sein:

  • Umstrukturierung des Gesundheitswesens von der Krankheits- zur Gesundheitsorientierung: Nicht die Bekämpfung der Krankheit und ihrer Symptome steht im Vordergrund, sondern die Gesunderhaltung der Menschen durch eine vorbeugende Bekämpfung von sozialen, ökologischen, geistigen und seelischen Krankheitsursachen,
  • Förderung der psychosozialen Kompetenz der Menschen, der Fähigkeit, mit sich selbst und den Mitmenschen in Einklang zu leben, kommunizieren zu können und gemeinsam mit anderen kooperativ an der Lösung von Problemen arbeiten zu können,
  • Investition in Forschung und Entwicklung der Bereiche Biotechnologie, der Pharmaindustrie und der Medizintechnik,
  • Investition in Forschung und Entwicklung von Umwelttechnik,
  • Schaffung von Strukturen und Rahmenbedingungen, die Institutionen, Organisationen wie auch dem einzelnen Bürger einen Anreiz dafür geben, durch ihr Verhalten gegenüber Dritten Vertrauenskapital zu schaffen, statt es leichtfertig zu verspielen,
  • Entwicklung und Umsetzung von Konzepten und Maßnahmen der Kriminalprävention
  • Investition in Bildung und Erziehung.

Hubertus Rybak, 14. März 2004

Weitere Informationen:

Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff - Wege zu Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information

Erik Händeler: Die Geschichte der Zukunft- Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen / Kondratieffs Globalsicht

 

 

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