Nachhaltigkeitskultur oder Abbruchkultur ?
- Woran die mentale Ausrichtung einer Kultur zu erkennen ist-
Ob eine Gesellschaft ihre Kultur und damit ihre Lebensform als erhaltungswürdigen Wert begreift, zeigt sich früher oder später an den Ergebnissen dieser Kultur: Ist sie auf Nachhaltigkeit ausgerichtet oder
ignoriert sie die Notwendigkeit einer Zukunftsvorsorge?
Sucht man nach Kennziffern, die geeignet sind, diese Ergebnisse zu beschreiben, drängt sich ein Vergleich mit Unternehmensbilanzen auf. Dort lässt sich der Erfolg des Handelns an der Zu- oder Abnahme der
verfügbaren Ressourcen messen. Die Bestandsentwicklung entscheidet über die langfristige Überlebensfähigkeit von Unternehmen.
Während jedoch die Unternehmensbilanz den finanziellen Erfolg eines Unternehmens im Blick hat und in erster Linie auf den finanziellen Wert der verfügbaren Ressourcen schaut, sind Art und Umfang der Ressourcen
einer Gesellschaft Grundlage und Garant ihrer Nachhaltigkeit.
Welche Ressourcen prägen die Kultur und die Gesellschaft eines Landes? Eine umfassende Beschreibung dieser Ressourcen ist nur möglich, wenn man den verschiedenen Wirklichkeitsbereichen Rechung trägt, in die der
Mensch eingebunden ist.
Leo A. Nefiodow[1] unterscheidet bei der Beschreibung der Beziehungsebenen, in die der Mensch sich eingebunden sieht, die materielle, vitale, mentale und psychosoziale (seelische und spirituelle) Ebene. Jede von ihnen wird vom Bewusstsein auf andere Weise wahrgenommen, weil jede Ebene der Wirklichkeit durch eigene Gesetzmäßigkeiten geprägt ist. Entsprechend ihrer eigenen Gesetzmäßigkeiten tragen die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit auch durch spezifische Ressourcen zur Lebensfähigkeit einer Kultur bei. Die Ressourcen einer Gesellschaft und deren Bestandsveränderungen lassen sich daher unter Bezugnahme auf die verschiedenen Wirklichkeitsebenen wie folgt beschreiben und darstellen:
Die materielle Ebene
Die materielle Ebene, in der die Gesetze der Natur gelten, stellt mit der Natur und den von den Menschen geschaffenen Vermögenswerten die materiellen Ressourcen
zur Verfügung. Der Mensch benötigt sie als Existenzgrundlage und als Grundlage für eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung. Der Umfang dieser Ressourcen und der langfristige Trend bei ihrer Bestandsveränderung geben Hinweise auf die langfristige wirtschaftliche Lebensfähigkeit einer Gesellschaft.
Die Entwicklung der materiellen Ressourcen einer Gesellschaft lassen sich beispielsweise mit folgenden Zahlenreihen darstellen:
- Bruttonationaleinkommen (= Bruttosozialprodukt)
- Leistungsbilanz
- Warenverkehr
- Dienstleistungsverkehr
- Erwerbs- und Vermögenseinkommen
- Laufende Übertragungen
- Öffentliche Finanzen
- Steuereinnahmen der öffentlichen Haushalte
- Ausgaben der öffentlichen Haushalte
- Schulden der öffentlichen Haushalte
- Sozialleistungen:
- Gesetzliche Krankenversicherung
- Gesetzliche Unfallversicherung
- Rentenversicherung der Arbeiter
- Rentenversicherung der Arbeitnehmer
- Soziale Pflegeversicherung
- Arbeitslosengeld und –hilfe
- Kindergeld
- Sozialhilfe
- Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz
- Erwerbstätige
- Arbeitslose
Die vitale Ebene
Auf der vitalen Ebene gelten die Gesetze der biologischen Programmierung. Sie wird vom Bewusstsein durch eigene Instinkte und Bedürfnisse wahrgenommen. Zu dieser Ebene gehören bestimmte vitale Ressourcen
, die für die Dynamik und Entwicklung einer Gesellschaft charakteristisch sind.
Die Entwicklung der vitalen Ressourcen einer Gesellschaft läßt sich beispielsweise mit folgenden Zahlenreihen beschreiben:
- Bevölkerung
- Altersstruktur der Bevölkerung
- Verhältnis: Lebendgeborene / Gestorbene;Überschuss Geborenen(+) über Gestorbene (-)
- Anteil der Bevölkerung mit anderer Nationalität
- Entwicklung der Lebenserwartung
Die mentale Ebene
Die mentale Ebene, auf der die Gesetze der Logik gelten und die durch Verstand, Vernunft und Selbstbewusstsein geprägt ist, stellt die mentalen Ressourcen
zur Verfügung, mit denen der Mensch und die Gesellschaft ihre Probleme zu lösen vermag.
Die Entwicklung der mentalen Ressourcen einer Gesellschaft läßt sich beispielsweise mit Zahlenreihen zu den folgenden Indikatoren beschreiben:
- Schulranking nach PISA – Studie
- Schüler und Schülerinnen
an
- Allgemeinbildenden Schulen
- Beruflichen Schulen
- Studierende
- Zahl der Patentanmeldungen
Die seelische Ebene
Auf der seelischen Ebene geht es um die Qualität der Beziehungen zu den Mitmenschen. Hier gelten die Gesetze der Nächstenliebe und der zwischenmenschlichen Solidarität, hier fördert das
Gewissen ethisches Handeln und moralische Erkenntnis.
Die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Gesellschaft ist eine wichtige Ressource für die Lebensfähigkeit einer Gesellschaft. Von der Qualität der seelischen Ressourcen
hängt es ab, wie stark das Vertrauen der Menschen untereinander ist, wie reibungslos das Zusammenleben und Zusammenwirken gelingt, wie stark der Zusammenhalt einer Gesellschaft wirkt und wie erfüllt der Einzelne sein Dasein erlebt. Indikatoren für die Entwicklung der seelischen Ressourcen sind:
- Eheschließungen
- Gerichtliche Ehelösungen
- Zahl der zivilrechtlichen Rechtsstreitigkeiten
- Kriminalitätsrate (siehe polizeiliche Kriminalitätsstatistik BMI / BKA)
- Zufriedenheitsmaßstab im internationalen Vergleich
- Umfrageergebnisse zu Rechtsbewusstsein
Die spirituelle Ebene
Auf der spirituellen Ebene gilt das Gesetz der Gottesliebe, entdeckt das Bewusstsein seine Fähigkeit zur transzendentalen Erkenntnis im Wege der Kontemplation und des Gebetes. Vom Vorhandensein und der Qualität
der spirituellen Ressourcen
hängt es ab, ob der Einzelne und die Gesellschaft ihr Leben auf der sicheren Basis eines Urvertrauens zu Gott und der Welt aufbauen kann oder die Existenz als angstvolles Hineingeworfensein ins endliche Sein erfährt.
Indikatoren für die Entwicklung der spirituellen Ressourcen sind:
- Religionszugehörigkeit der Bevölkerung
- Aktive Teilnahme am religiösen Leben von Kirchen und Religionsgemeinschaften
Hubertus Rybak, Mai 2002
[1] Leo A. Nefiodow, Der Sechste Kondratieff, Rhein- Sieg Verlag, Sankt Augustin 1996, S. 1 |